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19. November 2018 - Kein Tag wie jeder andere

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Durchgeknallt

Was mache ich eigentlich hier, wie fängt man das eigentlich an - zu schreiben und sich mitzuteilen? Was verfolge ich für ein Ziel? Da geht es schon los, darauf habe ich eigentlich keine richtigen Antworten.

Ist es, um auf sich aufmerksam zu machen, ist es, um sich wichtig zu machen? Nein, ganz bestimmt nicht. Ist es, um sich vielleicht ein bisschen was von der Seele zu schreiben, um Gedanken laufen lassen zu können und über Dinge zu schreiben und zu reden, die außergewöhnlich sind, weil sie das Leben verändert haben? Das trifft es vielleicht schon eher.

Ist es, um darauf aufmerksam zu machen, wie schön das Leben doch ist und man sich das immer wieder bewusst machen muss? Ja, das ganz bestimmt. Ich liebe das Leben, schon immer vor dem 19. November 2018 und ich lerne, das Leben zu lieben nach dem 19. November 2018. Aber das fällt mir noch recht schwer, zu viel bewegt mich, das Leben wirft gerade Fragen auf, ob alles gerecht zugeht, es geht um die Frage, wie lange ist das Leben noch da und kann die Zeit noch schön sein? Es geht darum, dass der 19. November 2018 mir vor Augen geführt hat, dass das Leben endlich ist. Und das beschäftigt mich. Und darüber möchte ich schreiben.

Und wer schreibt das? Das ist völlig unerheblich. Es ist ein Mensch, der sich selbst als glücklich bezeichnen würde. Der eingebettet ist in eine Familie, eingebettet in einer Umgebung, in der er sich wohl fühlt. Kindheit und Elternhaus - glücklich. Schullaufbahn, etwas holprig, flankiert durch viele gute Schulfreundinnen und Schulfreunde - glücklich. Studium, ebenso etwas holprig, flankiert durch gute Freundinnen und Freunde aus dem Studium - glücklich. Eine Familie, eigentlich ganz klassisch, mit manchmal ein paar Untiefen, wie das wahrscheinlich in den meisten Familien vorkommt, vor allem aber geprägt durch gegenseitiges Vertrauen und Liebe - glücklich. Der Beruf ist Berufnung, füllt aus, ist begleitet von Kolleginnen und Kollegen, die gemeinsam an den Arbeitsergebnissen arbeiten und gemeinsam auch Ziele verfolgen - glücklich. Mit dem Wort Freundin und Freund wird vorsichtig umgegamgen, aber davon gibt es seit sehr vielen Jahren einige, aus der Schule, aus dem Studium, aus einem Urlaub - glücklich. Nachbarinnen und Nachbarn, mit denen man sich versteht - glücklich. Hobbys und Interessen gibt es wirklich viele, das Fernsehen wird eigentlich wirklich nicht gebraucht - erfüllend und glücklich machend. Ideen, Ziele, Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft gibt es viele - alles könnte so wie bisher weiter gehen und ich wäre glücklich.

19. November 2018

Ein Tag wie jeder andere. Es ist Montag, morgens heißt es, etwas füher aufstehen als normal. Ich habe einen Auswärtstermin und muss mit dem Zug um 6.09 ab Siegburg Richtung Süden aufbrechen. Das Wochenende war ein sehr schönes gewesen, der Samstag war geprägt durch gemeinsame Gartenarbeit mit den Kindern bei schönem Wetter. Hecke schneiden, Büsche einkürzen, Bäume schneiden, also die typischen Herbsttätigkeiten. Und am Sonntag stand ein Besuch bei der Cousine auf dem Programm, auch das war sehr schön und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass man sich wirklich viel zu selten sieht.

Das Aufstehen um 5 Uhr war kein Problem, der Zug ging pünktlich und auch das Ziel wurde pünktlich erreicht. Auch wenn viele schimpfen, ich fahre immer sehr gerne mit der Bahn und habe überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Um kurz nach 8 Uhr war ich am Ziel etwas zu früh. Ich bin dann schon mal gebeten worden, in den vorgesehenen Besprechungsraum zu gehen. Dort habe ich dann noch mit einer Kollegin gesprochen, die den Termin vorbereitet hat. Zu der Besprechung waren ca. 10 Personen eingeladen, die dann nach und nach eingetroffen sind. Um 9 Uhr ging der Termin dann offiziell los. Jemand hatte eine Präsentation vorbereitet, es wurde über den Inhalt gesprochen und natürlich auch diskutiert. Daran habe ich mich beteiligt.

Kein Tag wie jeder andere. Im weiteren Verlauf des Gespräches wurde ich angesprochen, sollte meine Meinung zu einem Sachverhalt sagen - die Stimme war schon etwas weiter entfernt. Ich habe versucht, mich zu konzentrieren. Ich habe in die Runde geschaut, habe keine Personen mehr erkennen können. Ich habe Fratzen gesehen, vielleicht vergleichbar mit den Gesichtern von Pokemons. Ichhatte Lichtblitze in meinem Kopf, die unkoordiniert im Blickfeld auftauchten. Um mich herum habe ich nichts mehr wahrnehmen können. Und dann war Schicht im Schacht. Dunkelheit. Durchgeknallt. Keine Erinnerung. Leere.

Das, was ich jetzt schreibe, weiß ich nur aus Erzählungen. Ich bin dann in mich zusammen gesunken vorn über auf meinen Besprechungstisch.

Man hat mich in die stabile Seitenlage gebracht. Ich habe eine Weile wohl geschlafen. Zwischenzeitlich wurde der Krankenwagen gerufen. Als die Sanitäter dann eingetroffen sind, bin ich wohl wieder wach geworden. Ich habe hier keine Bilder mehr im Kopf, aber ich konnte spüren, dass ich mich gewehrt habe, als ich angefasst worden bin. Ich habe um mich geschlagen und einiges an Kraftanstrengung darauf verwendet, die Sanitäter von mir fern zu halten. Man hat sich Unterstützung durch die Polizei geholt und mit vereinten Kräften und mit entsprechenden Medikamenten wurde ich dann ruhig gestellt.

Die Sitzung hat so gegen 9 Uhr begonnen, der hier beschriebene epileptische Anfall war gegen kurz nach 11 Uhr.

Als ich aufgewacht bin, war ich erstaunt, wo ich war. Jemand fragte mich, wie ich heiße, wann sind sie geboren, welches Datum ist heute? Ist doch klar, der 19. November 2018, wieso weiß der das denn nicht? Bitte heben Sie Ihren rechten Arm, bitte heben Sie Ihren linken Arm. Wie albern, bin ich hier in der Turnstunde? Und wer sind die Menschen hier um mich rum, die kenne ich gar nicht. Und dann ist es wieder dunkel und ich bin eingeschlafen.

Mehr bekomme ich von dem Tag, den 19. November 2018, nicht mit, der mein Leben verändert hat.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 10. Dezember 2018 um 18:32 Uhr  

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