Start Happerschoß 20. und 21. November 2018 - Zeit des Erwachens

20. und 21. November 2018 - Zeit des Erwachens

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... und Zeit der Erkenntnis

Am Folgetag, das war dann Dienstag, der 20. November 2018,  bin ich morgens aufgewacht. Wieder die Frage, wo bin ich, was mache ich eigentlich hier. Ich liege in einem Bett, das ich nicht kenne, das sich aber sehr schnell als ein Krankenbett herausstellt. Ich schaue an mir herunter, ich liege in einem Krankenhaushemdchen in meinem Bett. So eines, dass vorn geschlossen und hinten offen ist. Ich habe nicht meine gewohnte Unterwäsche an, sondern trage eine "Einmalunterhose", aus einem Material wie eine Windel und von einem Netz gehalten. Ich habe meine Umgebung mit meinen Blicken abgetastet und dann ist mir endgültig klar geworden, dass ich mich wohl in einem Krankenhaus befinden muss.

Dieser Verdacht bestätigt sich schon nach kurzer Zeit, als ein Arzt und eine Krankenschwester in mein Zimmer kommen. ich bekomme wieder die gleichen Fragen wie am Vortag gestellt: Name, Geburtsdatum, aktuelles Datum und die Bitte, meinen rechten und linken Arm sowie die Beine zu bewegen.

Dann noch die Frage nach der Krankenkasse. Dann wird mir mitgeteilt, dass ich die Station wechseln werde. Ganz davon abgesehen, dass ich natürlich nicht einmal wusste, auf welcher Station ich aktuell liege, habe ich erfahren, dass ich auf die Neurochirurgie wechseln werde.

Neurochirurgie - was hat das zu bedeuten? Und was hat man eigentlich, wenn man auf eine solche Station kommt?

Diese Fragen haben mich ab diesem Zeitpunkt beschäftigt. Zeit und Raum der Tage 20. und 21. November 2018 bekomme ich von heute aus gesehen nicht mehr richtig zusammen. Alles ist miteinander verwoben und es ist verschwommen. Einzelne Ereignisse sind in guter Erinnerung, anderes befindet sich in einem Nebel oder ist nur noch ganz vage greifbar. Ich schlafe und ich bin wach, das passiert außerhalb der sonst üblichen Regel. Alles ist irgendwie durcheinander, Raum- und Zeitgefühl existieren nicht.

Irgendwann bin ich dann auf der neuen Station. Ich freue mich, meine Frau und mein großer sohn sind da. Ich sehe in besorgte Gesichter. Wir umarmen uns und mir wird mehr und mehr klar, dass etwas nicht stimmt. Es wird mir mehr und mehr klar, dass etwas mit mir nicht stimmt.

Es wird mir klar, dass ich in einem Krankenhaus liege in dem Ort, wo ich beruflich zu tun hatte. Es wird mir klar, dass ich am Vortag aufgrund eines epileptischen Anfalls in das Krankenhaus eingeliefert worden bin, ohne zu wissen, was eigentlich ein epileptischer Anfall ist.

Irgendwann ist dann Visite - zwei Ärzte kommen zu mir. Sie haben ein wenig Zeit mitgebracht. Meine Frau und mein Sohn sind auch mit dabei. Ich höre mir an, was man mir zu sagen hat, höre Worte wie Anfall, Gehirntumor, weitere Ursachenforschung, weitere Untseruchungen, lerne Abkürzungen wie CT und MRT, Begriffe wie Kontrastmittel und nehme Worte wahr wie Operation, Gewebeprobe und pathologische Untersuchungen.

Die Begriffe wirbeln in meinem Kopf herum. Was soll das heißen und was hat das mit mir zu tun? Habe ich Fragen? Nein - zu groß ist der Abstand zwischen dem, was ich wahrgenommen habe und dem, was mich davon betreffen könnte. Meine Frau stellt Fragen, aber auch davon bekomme ich nicht viel mit. Irgendwie bin ich gar nicht da. Meine Gedanken sind irgendwo, ich schaue in die Runde, sehe die Ärzte, sehe meine Frau und meinen Sohn und ich habe das Gefühl, in einer nicht realen Welt zu sein, einer Welt, die mich nichts angeht.

Dann ist die Visite zu Ende. Irgendwie habe ich verstanden, dass an diesem Tag weitere Untersuchungen an mir fortgesetzt werden. Und ich bin dann auch wieder verschwunden, eingeschlafen und weit weg von der Welt, die ich nicht für real halte.

Irgendwann werde ich dann in einen Rollstuhl gesetzt und durch Gänge geschoben, die alle unterirdisch verlaufen und die verschiedenen Gebäude des Krankenhauses miteinander verbinden. Der, der mich schiebt, ist ein FSJler, der im Begleitdienst beschäftigt ist, und der erzählt mir, dass er mich in die Radiologie bringt, dort wird ein CT gemacht. Ich trage mein Krankenhaushemdchen, inzwischen habe ich noch Thrombosestrümpfe angezogen bekommen, aber mir ist irgendwie kalt. Dort angekommen, werde ich angemeldet. Ich sitze auf einem Gang, der durch Patienten und Krankenhauspersonal gut frequentiert ist. Ich fühle mich wirklich nicht besonders wohl und mir ist kalt. ich bekomme einen Haufen Unterlagen ausgehändigt. Hinweise auf das, was gemacht wird. Hinweise auf irgendwelche Mittel, die mir verabreicht werden, Hinweise auf die Nebenwirklungen. Datenschutzserklärungen, die ich unterschreiben soll, Einwilligungen, dass mein Bildmaterial weitergegeben werden kann an andere Ärzte, an andere Krankenhäuser und auch zu statistischen Zwecken. Es kommt jemand, der mich fragt, ob ich Fragen habe. Ich habe hunderte von Fragen, stelle aber keine einzige, ich leiste viele Unterschriften an den Stellen, wo das Kreuzchen ist. Richtig lesen kann ich das nicht, ist meine Brille nicht richtig sauber? Ist es vielleicht auch einfach ein bisschen zu viel?

Nachdem die Unterschriften geleistet sind, werde ich dann in das Untersuchungszimmer gebracht, bekomme dann das Kontrastmittel verabreicht und dann wird das CT gemacht. Nach heutigem Empfinden ging das alles sehr schnell. Und dann stehe ich auch schon wieder auf dem Gang. In meinem Hemdchen und mit meinen Thrombosestrümpfen - mir ist kalt. Und ich warte auf den Begleitdienst, der mich zurück auf meine Station begleiten soll.

Ich warte dort eine ganze Weile und mir ist kalt. Waren es 45 Minuten?  Oder mehr? An mir vorbei laufen Patienten und die Angestellten des Krankenhauses. Manche schauen mich an, aber auch viele schauen vorbei. Und mir ist kalt.

Da kommen meine Frau und mein Sohn. Die warten schon lange auf mich in meinem Krankenzimmer und haben sich dann auf den Weg gemacht, um mich zu suchen. Ich freue mich, sie zu sehen. Sie bringen mich über die unterirdischen Gänge zurück in mein Zimmer. Wir reden noch ein bisschen. Aber dann schlafe ich auch schnell ein. Nach wie vor ist kein Zeitgefühl vorhanden. Morgens wache ich wieder auf, es ist Mittwoch, der 21. November 2018.

Bei einer neuerlichen Visite erfahre ich, dass man den Verursacher des Tumors im Kopf wohl gefunden hat, der verursachende Tumor liegt in der Lunge. Weitere Untersuchungen sind notwendig. Man muss entscheiden, ob man eine Biopsie von der Lunge vornimmt oder ob man den Tumor im Kopf entnimmt und dieses Gewebe dann untersucht. Das möchte man entscheiden, wenn man einen MRT gemacht hat.

Wieder wirbeln die Begriffe durch meinen Kopf, wieder verstehe ich die Zusammenhänge zwischen dem Gesagten und mir nicht. Mir geht es gut, ich fühle mich wohl. Ich bin fit und ich habe keine Schmerzen. Aber es hat wohl was mit mir zu tun. Man kümmert sich sehr um mich. Die Familie ist um mich besorgt und neue Gefühle keimen in mir auf - Traurigkeit und Angst. Ganz vage noch, noch nicht greifbar, aber irgendwie da.

Irgendwann wurde dann an diesem Tag die MRT-Untersuchung gemacht. Das MRT hat sich nur auf den Kopf beschränkt. In dem ganzen Gefühlsdurcheinander habe ich daran nur noch sehr wenig Erinnerungen. Ich weiß nur noch, dass es sehr gebrummt hat und die Pozedur länger gedauert hat. Und dann habe ich irgendwann die Bilder gezeigt bekommen.

Ich habe es sehen können, da ist was in meinem Kopf, was da nicht hingehört. Es ist am Hinterkopf, es ist da, so hat es mir der Arzt erklärt, wo das Sehzentrum liegt. Und das erklärt auch, warum ich halluziniert habe und auch den epileptischen Anfall. Die Empfelung war, den Tumor schnell zu entfernen. Der Tumor ist ca. 2 bis 3 cm groß.

Soll ich das machen lassen? Soll ich der Operation zustimmen? Aber was verstehe ich schon davon. Ich bespreche das mit meiner Frau. Und wir kommen zu dem Schluss, dass wir uns auf das Urteil der Ärzte verlassen wollen.

Es ist entschieden. Am nächsten Tag soll die Operation stattfinden. Es soll der Tumor in meinem Kopf entfernt werden, von dem ich vor vier Tagen noch nicht einmal wusste, dass ich einen habe.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 10. Dezember 2018 um 18:30 Uhr  

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